Texte


Kreativer Strassenprotest

Pink & Silver und das Radioballett als Beispiele zweier Aktionsformen der Spaßguerrilla fanden Anwendung in Protesten gegen die Bundesheer-Leistungschauv(i)s in Innsbruck und Salzburg 2005.

War Anfang der 80er Jahre die Verschärfung der sozialen Krise vielerorts zu spüren, so ist die Krise heute unübersehbar. Es geht der etablierten Politik, aber auch vielen Initiativen, nur noch um ihre Verwaltung. Zugleich setzt sich die Zersplitterung des Widerstandes in voneinander isolierte Teilbereiche und vereinzelte Kampagnen fort. Aktionen wie Flugblätterverteilungen, Demos, militante Kämpfe wirken häufig lustlos und ausgelutscht, gelten nur zu oft als überholt. Der Artikel will nicht die verschiedenen Aktionsformen gegeneinander ausspielen und neue Klüfte produzieren, festzustehen scheint aber: Kontinuierlicher Widerstand, der sich nicht nur im defensiven Reagieren auf vorgegebene Themen und in quasi "modemäßig" wechselnden Auseinandersetzungen in Teilbereichen erschöpft, wird noch selten praktiziert. Um der allgegenwärtigen Frustration, Trägheit und Phantasielosigkeit etwas entgegenzusetzen, möchte dieser Text den zu wenig beachteten Ansatz von Spaßguerilla dokumentieren und anhand zweier aktueller Beispiele, die 2005 in Innsbruck und Salzburg stattfanden, vorstellen.

Mit Spaßguerilla bezeichneten seit den späten 1960er Jahren zuerst Sponti-Linke [1] ihre Aktionen: Unter anderem Fakes, Unsichtbares Theater oder das Bewerfen von Prominenten mit Torten. Die Spaßguerilla geht zurück auf provokative und phantasievolle politische Happenings, insbesondere der Westberliner Kommune 1 und ihrer Protagonisten Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann [2] oder Rainer Langhans, die im Rahmen der StudentInnenrevolten der 68er-Bewegung (vgl. auch Außerparlamentarische Opposition und StudentInnenbewegung) versuchte, mit neuen, alternativen Formen des Zusammenlebens und gemeinsamen politischen Handelns zu experimentieren.

Aus der Sponti-Linken entstanden, agierte die Spaßguerilla in ihrer Militanz lustbetont, lebensbejahend und entsprechend antiautoritär. Damit hoben sie sich - durchaus gezielt - von den restriktiven Umgangsformen der K-Gruppen und AntiimperialistInnen und dem, aus Uruguay von den Tupamaros importierten Stadtguerilla-Konzept der RAF ab und vertraten im Grunde anarchistische Ideale.

Zwei Aktionsformen der Spaßguerrilla, Pink & Silver und das Radioballett werden im Folgenden theoretisch und praktisch vorgestellt. Als Beispiele dafür dienen die Aktionen einer Pink und Silver Gruppe in Innsbruck gegen die Bundesheer-Leistungsschau und ein Radioballett in Salzburg gegen die Traumwelt Tourismus.

Theorie zu Pink und Silver

Die Aktionsform Pink & Silver ist inspiriert von postmodernen feministischen Theorien bzw. der Queer Theory , die die gesellschaftliche Funktion von Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität als Regulationssystem ins Zentrum der Analyse stellt. Judith Butler dekonstruierte die feministische Identitätskategorie "Frau" radikal zugunsten einer vollkommenen Denaturalisierung von Geschlecht. Demnach gäbe es keinen natürlichen Geschlechtskörper, stattdessen werde dieser diskursiv hergestellt. Geschlecht sei performativ (in Anlehnung an Performance), daß heißt in ständiger Herstellung begriffen und eben nicht einfach gegeben (Butler 1991).

Die Wurzeln der Aktionsform Pink & Silver finden sich im radical cheerleading, welches seit Mitte der 90er Jahre erstmals in Kanada, den USA und Großbritannien auftauchte. Die Idee und Praxis dabei war, mehr Pep und Power in langweilige Latschdemonstrationen zu bringen, die TeilnehmerInnen zu motivieren und in Schwung zu bringen, sowie eine neue Außenwirkung zu erzielen. Das traditionelle cheerleading mit seinen geschlechtsstereotypen Bildern wurde umgedeutet und für politische Inhalte verwendet.

Aus verschiedensten Aktionsformen, politischen Strömungen und Theorien fließen Elemente in die Pink & Silver-Praxis ein, wie z.B. aus dem reclaim the streets (die Aneignung/Zurückeroberung der Strassen), crossdressing und Queer-Bewegung (Spiel mit den Geschlechterrollen, Dekonstruktion von Geschlecht), der Tunten-Terror-Tour, Tute Bianche, schwarzer Block (hier vor allem die Kommunikationsstrukturen), Sambagruppen (Spass und Lärm), Akrobatik auf Demos oder auch aus Ansätzen der Kommunikationsguerilla (Irritation, Umdeutung vorhandener Bilder und Zuschreibungen).

"Es ging uns [...] darum, von anderen in Sachen Protestkultur zu lernen und unsere eigene Praxis zu reflektieren." (Pink Panic). [3]

Wichtig ist hierbei, dass es nicht das eine Konzept gibt, sondern einen Pool von Elementen linker Praxis die variiert und immer neu zusammengesetzt werden können. Das bedeutet, dass Aktionsformen weiterentwickelt, Selbstverständlichkeiten hinterfragt und Alternativen praktiziert werden.

Erstmals in Pink & Silver sind DemonstrantInnen in Prag anläßlich des IWF-Gipfels öffentlich in Erscheinung getreten. Es folgten Aktionen zum G8-Gipfel in Genua im Sommer 2001. In Deutschland wurde die Aktionsform erstmals beim antirassistischen Grenzcamp in Frankfurt am Main im Sommer 2001 ausprobiert, es folgten Aktionen auf einer Demonstration gegen die Residenzpflicht in Berlin, gegen die Vereidigung des Senats in Hamburg und bei Aktionen gegen Abschiebungen in Bremen. Inzwischen hat sie die Idee weit verbreitet und wird zu verschiedensten politischen Anlässen an unterschiedlichsten Orten praktiziert.

Wie funktioniert Pink & Silver?

Wie schon der Name verrät, kleiden sich die AktivistInnen in Pink und Silber, üben Choreographien, Lieder und Sprüche ein und tanzen damit durch die Straßen, Kaufhäuser, Bürogebäude, etc. Das Modell ist offen und integrativ, jedeR kann mitmachen, es gibt keine feste oder geschlossene Gruppe. Pink & Silver hat den Anspruch, basisdemokratisch zu agieren: Alle Personen sind gleichermaßen an den Gruppenentscheidungen beteiligt, so dass das gemeinsame Vorgehen von allen gestaltet und getragen wird. Für Diskussionen in großen Gruppen gibt es Kommunikationsstrukturen, die gewährleisten sollen, dass alle Anwesenden beteiligt sind und die schnelle Stimmungsbilder möglich machen. Für das Agieren bei Aktionen gibt es darüber hinaus die Möglichkeit, durch vorher abgesprochene Rufe bestimmtes Verhalten, z.B. Änderung der Aufstellung im Block, auszulösen.

Durch flexible Strukturen und eine erst mal schwer einschätzbare Ausdrucksform, die zugleich spielerisch und konfrontativ, laut, schnell, lustig, kraftvoll und irritierend ist, ist mensch enorm handlungsfähig.

Ein weiterer Aspekt bei Pink & Silver ist das "Spiel mit den Geschlechterrollen". Dieses wird zum einen in der (Ver-)Kleidung gesehen - Männer in rosa Kleidern und Röcken, geschlechtsneutrale Overalls, Puschel und Glitter - zum Anderen im Auftreten: Frivolität als befreiendes Moment und Konfrontation ohne Mackermilitanz. Gewollt ist also ein "Angriff" auf die heterosexistische Kleider- und Benimmordnung sowohl nach innen, also innerhalb der Gruppe, als auch nach außen als Wirkung auf die Nicht-Beteiligten.

Pink gegen Olivgrün. Eine Aktion gegen die Bundesheer-Leistungsshow in Innsbruck

Rund um den österreichischen Nationalfeiertag 2005 lud das Bundesheer zu verschiedenen Veranstaltungen in ganz Österreich. In Wien konnten beispielsweise 4.040 SoldatInnen, 195 Panzer und rund 100 Luftfahrzeuge "bewundert" werden. Aber auch die Tiroler Landeshauptstadt blieb von den Feierlichkeiten des österreichischen Bundesheeres nicht verschont.

In Innsbruck fand am 22. Oktober eine Großangelobung von 1.000 GrundwehrdienerInnen statt und am 23. Oktober wurde die Innsbrucker Innenstadt von einer Leistungsschau "beglückt". Dadurch sollte laut Heer "die Verbundenheit des Bundesheeres mit der Bevölkerung" zum Ausdruck gebracht werden.

Von medialer Seite fand keinerlei kritische Berichterstattung über diese Veranstaltung statt. Nein, das Gegenteil war der Fall: Zeitungen druckten Sonderbeilagen und die "Kriegspielshow" des Bundesheeres wurde über die verschiedensten Medienkanäle massiv beworben.

Am Tag X konnten dann bei einer großen Tiroler Parade PolitikerInnen und Teile der Bevölkerung mit Ehrfurcht Panzer und Soldaten auf der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße bewundern. Mit Bier und Gulaschkanone wurde anschließend die Verbundenheit des Bundesheeres mit der Bevölkerung bei einem vom ORF übertragenem Frühschoppen der Militärmusikkapelle weiter vertieft. Anschließend konnten Kinder endlich auf Panzern spielen und mit Maschinengewehren imaginäre Feinde umbringen! Alles in allem also ein gelungener Tag für das Bundesheer. Oder doch nicht?

Am Rande kam es zu Protestaktionen unter dem Motto "Pink gegen Olivgrün"

Etwa 15 Pink-Blacks besuchten heute die Leistungsschau des österreichischen Bundesheers in der Innsbrucker Innenstadt. Ausgerüstet mit Sound, Flyern, Pfeifen, Süssigkeiten und einem pinken "Panzer" gings um ca. 11 Uhr los. Mit guter Laune wurde gegen die Kriegstreiber angetanzt. Und einige SonntagsspaziergängerInnen tanzten sogar zu Breakcore, Discohits und "Ein bisschen Frieden" mit.

Nach Ausweiskontrollen durch die Exekutive konnten wir uns in "Begleitung" Richtung Museumstraße und Innenstadt bewegen. Die "staatliche Unterstützung" bestand aus Uniformierten und mindestens 4 Beamten der Stapo, die unermüdlich und ausdauernd über 3 Stunden alle TeilnehmerInnen filmten (Erwähnenswert ist, dass sich die Beamten in Zivil während ihres Einsatzes umzogen (!) um nicht zu viel aufzufallen). Aber Pink-Black lässt sich nicht so einfach einschüchtern: Mit unserem Panzer konnten wir kurze Zeit später ungehindert die behördlichen Belästigungen umgehen und uns frei durch sie Stadt und zwischen allen Stationen des Bundesheeres bewegen.

Irritierte SonntagsspaziergängerInnen säumten den Weg, des mittlerweile auf etwa 30 Menschen angewachsenen Pink-Black Blocks, und ließen sich dazu verleiten Flyer und Süssigkeiten des tanzenden Mobs entgegen zunehmen. Die meisten reagierten durchaus amüsiert und verständnisvoll, andere schüttelten nur den Kopf. Am Rande gab es auch Diskussionen mit BürgerInnen, die teilweise in einem cholerischen Anfall der BürgerInnen endeten. Hier ein kurzer Auszug der Aussagen:
  • "Nehmts den Hippies den Panzer weg!" (von kleinen Kindern in einem Bundesheerwagen)
  • "I tusch dir gleich eine!"
  • "Dich erschieße ich als erstes und drehe dir den Kragen um!"
Die oben angeführten Aussagen sind nicht erstaunlich, denn die Stadt wimmelte nur so von Uniformierten aller Coleur. Von der Bergwacht, über die Schützen, Unmengen an BundesheersoldatInnen, Kameradschaftsverbänden, Heimatdienstlern und Feuerwehr, etc. war alles anwesend, was sich BesitzerIn einer Uniform schimpfen darf.

Erschreckend sind immer wieder spielende Kinder auf Panzern, sowie Angehörige der Polizei und des Bundesheers, die kleinen Kindern Sturmgewehre, Schlagstöcke und Panzerfäuste in die Hand drücken!

Während des "Spaziergangs" gelang es den AktivistInnen sogar einen echten Panzer kurzzeitig zu besetzen, über eine von Pionieren aufgestellte Brücke zu fahren; ja und sogar der ÖAMTC unterstützte uns: mit Energydrinks und einem Pickerl für den Panzer.

Verwunderung, Style und Lacher waren auf unserer Seite!

Alles in allem kann von einer voll und ganz gelungenen, spannenden und lustigen Aktion gesprochen werden! Durch das Auftreten in Pink-Black konnten größere Eskalationen vermieden werden und die anwesenden SpaziergängerInnen waren durchaus zugänglich und offen.

Nachahmung dringend empfohlen!
Comando pinkbloque!

Inhalt des Flyers:

Spannung wird geboten - Krieg wird gespielt!

Heute will das Bundesheer seine Verbundenheit mit der Bevölkerung durch eine militaristische Leistungsschau zum Ausdruck bringen. Die InnsbruckerInnen werden mit Kriegsvorführungen und Mordwerkzeugen aller Art belästigt.

Krieg ist kein Spiel, sondern blutige Realität!

Für die meisten Menschen weltweit sind SoldatInnen und Panzer Mordmaschinen und deshalb mit großer Furcht verbunden. Heute soll uns aber das genaue Gegenteil eingetrichtert werden: Krieg als Event! Tötungswerkzeuge und Mordmethoden werden als Attraktion für SonntagsspaziergängerInnen präsentiert.

Lieber Pink tanzen, als olivgrün marschieren! Freude am Leben statt militärischem Gehorsam! Mordwerkzeuge aus der Stadt tanzen!

Für eine Welt ohne SoldatInnen, Krieg und Ausbeutung!

GAME OVER!

Radioballett - ein Überblick

Das erste Radioballett fand im Hamburger Hauptbahnhof im Mai 2002 statt. Organisiert wurde sie von der Hamburger Gruppe LIGNA, die die "alte" Technologie FM-Radio für ihre politisch-künstlerische Aktion nutzen. Schauplätze der Performances sind öffentliche Plätze, wie Bahnhöfe oder Fußgängerzonen. Der Inhalt einer Performance ist hierbei variabel und kann an entsprechende Umstände und Ereignisse angepasst werden. Die erste Aktion im Hamburger Bahnhof beschäftigte sich mit dem herrschendem Sicherheits- und Überwachungswahn. Mitmachen kann jeder. Via Radio und Kopfhörer bekommen die Teilnehmenden Regieanweisungen, die kollektiv aufgeführt werden. In einer "Zerstreuung" werden verdrängte Praktiken des Bettelns oder des "unnötigen Aufhaltens" aufgeführt.

Die ursprüngliche Idee hierzu war, eine kollektive Aktionsform zu schaffen, die in dem von Polizei und Überwachungstechnologien dominierten Räumen intervenieren konnte. Architektur zB. kann als ein Mechanismus zur Kontrolle eingesetzt werden: Sesselreihen, durchtrennt mit Armlehnen, verunmöglichen das Hinlegen; Räume werden hell und offen gestaltet, sodass keine dunklen Stellen entstehen können. Das augenblickliche Kontrollregime zeichnet sich zusehends dafür verantwortlich, dass "abweichendes" Verhalten aus der Öffentlichkeit verschwindet.

Das Radioballett thematisiert diese Problemfelder nicht im "klassischen" Sinne, indem sie zB. eine Demo organisiert und damit der Öffentlichkeit zeigen möchte, dass die Privatisierung des öffentlichen Raums falsch ist. Diese Aktionsform brachte das zurück, was Regierungen und Kontrollinstitutionen am meisten fürchten: Abweichendes, unkontrolliertes Verhalten in der Öffentlichkeit in solchem Maßstab zu zeigen, so dass Kontrolle nicht mehr möglich ist (Aufhalten der Hände, um etwas zu erbetteln, dort zu sitzen wo es nicht erlaubt ist, usw.). Für LIGNA ist das Radio das ideale Werkzeug um genau das zu erreichen: Die TeilnehmerInnen können es praktisch überall empfangen, es ist einfach zu bedienen und die Verbreitung des Mediums sorgt dafür, dass viele in einem kollektiven Prozess agieren können.

Falsch liegt mensch aber, wenn geglaubt wird, hier gehe es bloß um autoritäre Anweisungen von oben, die von willenlosen HörerInnen entgegengenommen werden. Im Vordergrund steht hierbei die Aneignung des öffentlichen Raums mittels einer kollektiven Aktionsform, die die inzwischen als "normal" geltenden gesellschaftlichen Verhaltensformen, die zum Teil durch Überwachungstechnologien hervorgerufen werden, thematisieren und hinterfragen, indem sie sie parodieren und/oder von der Norm abweichende Gesten produzieren.

Zerstreute TouristInnen / Dispersed Tourists - Radioballett in Salzburg

Eine kritische Beschäftigung mit Tourismus fand im Rahmen der Heeresschau statt. Parallelen inklusive!

"Der Tourismus ist seither das Spiegelbild der Gesellschaft, von der er sich abstößt." Hans Magnus Enzensberger

Traumwelt Tourismus. Tourismus ist der Eintritt in eine Traumwelt, in der alles nach den Wünschen der Eintretenden gestaltet ist. Salzburg wird seit Mitte des 19. Jahrhundert zur Idylle all derer umgebaut, die der modernen Welt entfliehen wollen. Die Stadt inszeniert sich als Gesamtkunstwerk - Stein gewordener Traum einer Welt ohne Industrialisierung. Die Stadt wird zur Ware, die Wunscherfüllung zum einträglichen Geschäft. Tag ein Tag aus vollzieht sie sich in der massenhaften Wiederholung der immer gleichen Gesten: Schaufensterbummeln, Postkarten kaufen, Mozartkugeln kauen, Sehenswürdigkeiten fotografieren. Zwischendurch einen Kaffee. Kein Mensch muss touristisches Verhalten eigens lernen. Es ist überall identisch. In seiner Gleichförmigkeit verlängert der Tourismus den Arbeitsalltag, für den er entschädigt.

Normierung

Tourismus macht noch die Suche nach Freiheit und den Ausbruch aus den Zumutungen des Alltags zu einer endlosen Wiederholung konformer Gesten. Wie die Welt zu Hause ist die touristische Idylle durch Normierung, Kontrolle und Ausschlüsse bestimmt. Jede Fremdheit und alles Unvorhersehbare ist aus dem touristischen Raum verbannt. TouristInnen reisen, um sich bestätigen zu lassen, dass keine andere Welt möglich ist als die bestehende. Tourismus unterwirft den urbanen Raum unter die Warenförmigkeit.

"Das Unberührte wird kapitalistisch 'erschlossen', totalitär 'aufgerollt'. Militärische Analogien stellen sich ein. Der Tourismus parodiert die totale Mobilmachung." (Enzensberger)

Wie um diesen Zusammenhang zu unterstreichen, beginnt das österreichische Bundesheer seine Feierlichkeiten zum Staatsvertrag am 21.5.2005 in Salzburg. Für einen Tag nehmen Panzer und Informationsstände den öffentlichen Raum ein, der ansonsten von TouristInnen okkupiert ist.

Radioballett

Die Hamburger Radiogruppe LIGNA [4] lädt an diesem Tag dazu ein, die sichtbare Normierung der touristischen Gesten mit der unsichtbaren Organisierung von RadiohörerInnen zu unterwandern. Zerstreute TouristInnen streunen mit tragbaren Radios und Kopfhörern durch die Stadt. Involviert in ein für Außenstehende unverständliches Engagement folgen sie den Vorschlägen des Radioprogramms für Gesten, die vom touristischen Alltag abweichen. Sie untersuchen, wie sich der städtische Raum als Ware konstituiert, und erproben andere Aneignungen dieses Raums. Wenn der Massentourismus jede Fremdheit und alles Unerwartbare des Reisens verbannt, kehrt die Fremdheit als unheimliche Bewegung mit dem Radioballett in den touristischen Raum zurück. Die massenhafte Wiederholung konformer Gesten kann den touristischen Alltag nachhaltig erschüttern.

Dispersed Tourists ist ein Radioballett in der Salzburger Getreidegasse für unbegrenzt viele HörerInnen. Bei dieser touristischen Erkundung interessieren nicht die Attraktionen und Sehenswürdigkeiten, sondern wie sich der spektakuläre Raum der Stadt durch die zerstreute Konstellation der RadiohörerInnen verändern lässt. Eine Reise in das unbekannte Terrain unkontrollierbarer Situationen.

[1] Spontis nannte mensch in den 1970er Jahren linke politische AktivistInnen in der Nachfolge der APO und der 68er-Bewegung. Sie hielten die Spontaneität der Massen für das revolutionäre Element der Geschichte und grenzten sich damit von den K-Gruppen der APO ab, die dem traditionellen kommunistischen Gedankengut anhingen. Für diese war eine Partei von Nöten, die die Führung in eine bessere Zukunft übernehmen müsse.
[2] Überhaupt nicht "spaßig" war der von der Spaßguerilla "Tupamaros West-Berlin" unter der Leitung von Dieter Kunzelmann organisierte Bombenanschlag auf die Jüdische Gemeinde Berlin am 9. November 1969. Zur Gedenkfeier der Reichspogromnacht versteckte die "Spaßguerilla" eine scharfe Bombe im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße, der Zeitzünder hätte die Bombe genau während der Gedenkveranstaltung gezündet. Doch sie explodierte glücklicherweise nicht, da die Zündkapseln versagten. Diese vom Bombenleger Albert Fichter gelegte Bombe hätte ansonsten den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Heinz Galinski und den Regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Schütz sowie weitere Gäste der Gedenkfeier getötet. Die "Spaßguerilla" verteilte zu ihrem Anschlag extrem antisemitische Flugblätter. Dieser erste Terroranschlag auf eine Synagoge in Deutschland seit 1945 ist bis heute ein beschämendes Kapitel verdrängter eigener Geschichte der deutschen Linken. Heinz Galinski war später Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Klaus Schütz wirkte später als deutscher Botschafter in Israel für die Aussöhnung.
[3] Pink Panic, eine Pink & Silver-Nachbereitung zum Grenzcamp vom 27. Juli bis 5. August 2001 in Frankfurt/Main.
[4] http://www.fsk-hh.org